21. Etappe EuroVelo10: Kaliningrad via Fromborka nach Gdansk (Danzig)

24. Juni 2017

46. Tag Abreise Kaliningrad und Willkommen in Polen, 77km

Standesgemäß wachten wir an unserem letzten russischen Tag mit einem leichten Kater auf. Dieser rührte wohl vom Wodka, Bier und einem ekelhaften Meerretich-Schnaps mit Peperoni und Knoblauch. Wie konnte ich mich nur dazu überreden lassen?

Nach dem Frühstück ging es zunächst in Richtung Stadtmitte. Wie Nina im vorigen Artikel bereits erwähnte, wird gerade viel gebaut – unter anderem auch kombinierte (zweifarbige) Rad-/Gehwege. Aber dieses Prinzip erscheint den Russen gänzlich unbekannt und es wird über die gesamte Breite flaniert. Dieses Slalom-Vergnügen währte nur kurz bis der Weg abrupt in eine breite Treppe überging. Hin und wieder gab es eine kleine Schieberinne häufig aber einfach gar nix. Wer hier nicht aufpasst, wird sicherlich von dem ein oder anderen 30 (!) cm hohen Bordstein überrascht. Ich werde die Stadt mal für das nächste Red-Bull Urban Downhill Event vorschlagen.

Vorbei ging es an der alten olympischen Fackel und dem U-Boot-Museum durch ein Industriegebiet. Der Verkehr wurde langsam dichter und die Abgase sorgten für Kopfschmerzen. Meine Vermutung ist dass beim Import von Autos sofort alle Katalysatoren ausgebaut und als Ersatzteile nach Deutschland verkauft werden. Von Abgasnormen und Umweltplaketten hat verständlicherweise noch niemand etwas gehört.

Die Straße bis zur Grenze zog sich um die 55km und es wurde auch wieder hügeliger. Die Ausreise war im Vergleich zur Einreise problemlos. Vor uns war kein Auto und so kamen wir direkt ‚dran‘. Die russischen Grenzbeamten durften sogar heimlich lächeln; was vielleicht auch an unserem Erscheinungsbild lag. Ohne Taschenkontrollen und mit nur drei Schranken begaben wir uns auf die polnische Seite. Hier herrschte schon mehr Treiben und wir stellten uns hinten an. Ein Zöllner hatte Mitleid und winkte uns nach vorne, kontrollierte unsere Pässe und schickte uns zu seiner Kollegin an die nächste Schranke. Diese war nicht ganz so unkompliziert, stellte viele Fragen auf polnisch, die wir alle nicht verstanden, ließ uns aber letztendlich gewähren. Nach einer letzten Schranke waren wir dann in Polen und somit zurück in der EU.

Unser Po freute sich über schönen Asphalt und es ging hügelig weiter bis nach Fromborka. Der Plan war eigentlich noch kurz einzukaufen und in der Pension mit Gemeinschaftsküche zu kochen. Da aber die Geschäfte an Fronleichnam geschlossen waren, mussten wir auf ein Restaurant ausweichen.

Gesamtanstieg: 492 m

47. Tag: Fromborka nach Gdansk (Danzig)

Nachdem wir am Vortag schon die ersten Begegnungen mit dem polnischen Straßenverkehr machten, entschieden wir uns die Fähre hin zum kurischen Haff zu nehmen und dort hoffentlich entspannter in Richtung Gdansk zu fahren. Dies hieß allerdings früh aufstehen und dann zügig die hügeligen 15km bis zum Hafen von Tolkmicko abstrampeln. Das gelang uns trotz Nieselregen ganz gut und wir erreichten die Mini-Personenfähre gemeinsam mit einem Radfahrerpärchen aus Polen. So quatschten wir während der 30-minütigen Überfahrt und an Land bot sich ein komisches Bild, welches uns in Polen noch häufiger begegnen wird: viele kleine Küstenorte sind zu Mini-Tourismushochburgen á la Costa Brava aufgeblasen. Neben Schmuck-, Souvenir-, Mode- und Fressläden gab es viel Kinderbespaßung. Alles war laut und blinkte – wir litten an Reizüberflutung und sahen zu dass wir an Land gewannen.

Unser Plan mit dem wenigen Verkehr war leider für die Füße da eine nicht enden wollende Blechkarawane ebenfalls Richtung Festland fuhr. Die Rücksichtnahme auf Radfahrer ist hier gering ausgeprägt: Trotz Gegenverkehr wird überholt – soll der Radler doch zur Not durch die Büsche fahren. Dies wird uns an diesem und den folgenden Tagen noch mehrfach beschäftigen – teilweise auch mit abstrus hohen Geschwindigkeiten. Um solche Überhohlmanöver zu unterbinden, fuhr ich extra weit auf der Straße. Diese „Erziehungsmaßnahme“ wurde von einigen Polen als Aufforderung verstanden noch waghalsiger zu überholen. Da wünscht man sich doch fast Kaliningrad zurück!!

In den polnischen Wäldern begegnete uns gerade bei Regen eine herrliche Mückenplage. Sobald wir anhielten, hatte jeder von uns fünf fliegende Freunde mit großem Appetit um sich. Und – nennen wir das Kind ruhig beim Namen – damit lässt es sich schlecht pinkeln. Ihr könnt Euch ja jetzt mal Gedanken machen wie man dieses Problem löst – für Anregungen sind die Kommentare jederzeit geöffnet.

In Ermangelung von Radwegen ging es auf wenig befahrenen und schlecht erhaltenen Straßen bis nach Gdansk. Dort gab es dann wieder Radwege und -ampeln und unsere Unterkunft befand sich direkt im Zentrum. Unglücklicherweise war direkt darunter eine Pizzeria und wir hatten von dem leckeren Küchenduft die ganze Zeit Hunger!

Gesamtanstieg: 500 m

5 comments

  1. Comment by Tante Örmgard

    Tante Örmgard Reply 24. Juni 2017 at 15:38

    Was bin ich froh, dass ihr bisher heile durchgekommen seid!
    Nun müsst ihr auf den restlichen Metern nicht unbedingt noch das Glück herausfordern….
    Genießt die verbleibende Urlaubs – Zeit!
    Lg

    • Comment by tim

      tim Reply 24. Juni 2017 at 16:51

      Hey Örmgard,
      da sind wir mit dir froh! In Anbetracht fehlender Alternativen führte aber kein Weg an den Straßen vorbei und mittlerweile sieht es ja auch wieder viel besser aus. Mehr dazu in den nächsten Tagen…
      Viele Grüße aus dem wilden Osten
      tim

  2. Comment by Alfred

    Alfred Reply 25. Juni 2017 at 06:59

    Nun sind es ja nur noch wenige Tage bis zum Eintritt in die gewohnte Zivilisation mit „richtigen“ Radwegen und rücksichtsvolleren Autofahrern.
    Genießt trotzdem die Reise durch Polen. Und über Nacht immer alles gut abschließen 😉

  3. Comment by Nina

    Nina Reply 25. Juni 2017 at 07:43

    Habt ihr etwa nicht die wichtigste Reiselektüre eingepackt? #howtoshitinthewoods

    • Comment by tim

      tim Reply 27. Juni 2017 at 07:14

      Mist. Ich wusste ich hab was vergessen. Ich weiß zwar wer das Buch hat, weiß aber nicht wo in der Welt er gerade zu finden ist… #JagdUmDieWeltSchnapptCarmenSandiego

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